← zurück zu MDFB

MDFB · Folien aus den Sitzungen

Bezugsnormen in der Bewertung

Dieselbe Leistung, drei Urteile: was soziale, individuelle und kriteriale Bezugsnorm je zeigen — und was jede nachweislich bewirkt.

3 Folien · u. a. nach F. Rheinberg (1999)

Folien als PDF

Am Handy am besten quer halten — dann stehen die Folien im Originalformat.

Einstieg · nach Rheinberg 1999

Drei Blickrichtungen auf dieselbe Lernentwicklung

Kenntnisse / Fertigkeiten Lernzeit Lernkriterium A B C 1 2 3 3

A, B und C lernen alle dazu – in unterschiedlichem Tempo. Nach Rheinberg 1999.

  • 1Individuelle Bezugsnorm
    Dieselbe Person, früher und heute.
  • 2Soziale Bezugsnorm
    Drei Personen zum selben Zeitpunkt.
  • 3Kriteriale Bezugsnorm
    Abstand zum vereinbarten Lernkriterium.

Einstiegsfrage

Welchen dieser drei Pfeile ziehen Sie beim Korrigieren am häufigsten? Und welchen Pfeil sieht C, wenn sie ihre Arbeit zurückbekommt?

g-lernen.de
1 / 3

Bezugsnormen · Modul Diagnostizieren, Fördern, Beurteilen

Dieselbe Leistung, drei Urteile

Nina schreibt 63 von 100 Punkten. Der Klassenschnitt liegt bei 84. Ihre letzten Arbeiten lagen bei 40. Bestanden hat, wer 55 erreicht.

Eine Zahl, drei Urteile: schwach, deutlich verbessert, bestanden.

Erst der Maßstab, den wir daneben legen, macht aus der Zahl ein Urteil – und wir legen ihn oft an, ohne ihn zu wählen.

  • Soziale Bezugsnorm – verglichen mit den anderen zum selben Zeitpunkt: 63 gegen den Schnitt von 84.
  • Individuelle Bezugsnorm – verglichen mit der eigenen früheren Leistung: 63 gegen die bisherigen 40.
  • Kriteriale Bezugsnorm (auch: sachliche) – verglichen mit der vorher festgelegten Anforderung: 63 gegen die Bestehensgrenze von 55.
Nina: 63 sozial Schnitt 84 individuell vorher 40 kriterial Grenze 55 0 50 100 Punkte

Drei Maßstäbe an derselben Zahl. Welcher davon in der Rückmeldung auftaucht, entscheidet die Lehrkraft – meist beiläufig.

g-lernen.de
2 / 3

Wirksamkeit

Was jede Norm nachweislich bewirkt

Soziale Bezugsnorm

  • Rangplätze bleiben über Jahre stabil, weil die ganze Klasse mitlernt. Der eigene Zuwachs bleibt unsichtbar.
  • Je stärker eine Lehrkraft sozial vergleicht, desto geringer die soziale Teilhabe von Lernenden mit sonderpädagogischem Förderbedarf (Krawinkel u.a. 2017).
  • Anstrengung verliert ihre Erklärkraft: Sie ändert am Rang nichts.
  • Eine Rangfolge sieht gleich aus, ob alle viel oder wenig gelernt haben. Die Wirkung des Unterrichts liest man an der kriterialen Norm ab.

Legitimer Ort: Wo der Vergleich der Zweck ist: Auswahl, Orientierung. Verdeckt steckt sie darin, wie anspruchsvoll ein Kriterium gesetzt wird.

Individuelle Bezugsnorm

  • Macht Veränderung sichtbar. Anstrengung wird damit zur plausiblen Ursache des eigenen Erfolgs.
  • Folgen: realistischere Zielsetzung, höhere Selbstwirksamkeit, geringere Prüfungsangst.
  • Setzt differenzierte Aufgaben voraus – ohne passende Schwierigkeit ist kein Zuwachs zu sehen.

Grenze: Sie sagt nichts darüber, ob die Anforderung erreicht ist. Allein stehend beschönigt sie.

Kriteriale Bezugsnorm

  • Der Maßstab liegt offen, also wird Selbsteinschätzung möglich – bei Hattie der stärkste Einzelfaktor (self-reported grades, d ≈ 1,4).
  • Feedback wirkt bei d ≈ 0,7; die formative Prüfung der eigenen Unterrichtswirkung bei d ≈ 0,5. Beide brauchen ein Kriterium, auf das sie sich beziehen.
  • Der Maßstab steht unabhängig davon, wie viele ihn erreichen.
  • Über die Gruppe ausgewertet zeigt sie zusätzlich, ob Aufgabe und Unterricht getroffen haben.

Grenze: Sie sagt nichts über den Weg – und ist nur so gut wie ihre Kriterien.

Zum berühmtesten Befund: Butler 1988 wird meist als „Kommentare wirken, Noten nicht“ zitiert. Guskey weist auf zwei Details hin: Die Noten in der Studie waren rangbasiert, und der Einbruch von Interesse und Leistung zeigte sich vor allem im unteren Viertel der Klasse. Verglichen wurde damit sachbezogene mit personenvergleichender Rückmeldung – die Studie ist ein Bezugsnorm-Experiment. Entscheidend ist der Inhalt der Rückmeldung.
g-lernen.de
3 / 3