Lernen ermöglichen — Handlungsraum als Förderbedingung
Wenn Fördern als Auffüllen gedacht wird: Lücke erkennen, Stoff nachreichen. Es heißt aber auch ermöglichen — die Bedingungen schaffen, unter denen Lernende es selbst tun. Der Grund ist kein pädagogisches Ideal, sondern der Mechanismus aus der Selbstwirksamkeit (siehe Beitrag): Nur das Selbst-Bewältigte baut Selbstwirksamkeit. Und selbst bewältigen kann nur, wer Spielraum hat.
Ermöglichen statt vermitteln
Ermöglichungsdidaktik (Arnold) verschiebt die Rolle der Lehrkraft: weg vom Vermittler, der Inhalte überträgt, hin zum Ermöglicher, der Lernumgebungen und Gelegenheiten gestaltet. Lernen ist die Eigenleistung des Lernenden („Ich lerne, also bin ich”). Die Lehrkraft baut die Situation/Lernumgebung; den Weg hindurch geht der Lernende.
Die Drift zum Vollzug
Hartmut Rosa mit der Gegenwartsdiagnose: Wo starre Regelwerke (Konstellationen) über offene Situationen gelegt werden, wird aus dem Handelnden ein Vollziehender — jemand, der vorgezeichnete Schritte abarbeitet, statt selbst zu urteilen. Mit dem schwindenden Ermessensspielraum schwindet das Gefühl, etwas bewirken zu können —> schwindet die Möglichkeit Selbstwirksamkeit zu erfahren.
Das trifft den Unterricht direkt — und tückischerweise auch das Fördern selbst: ein Förderplan, der jeden Schritt vorschreibt; ein Arbeitsblatt, das nur noch Lücken füllen lässt; ein Hilfesystem, das jede Entscheidung abnimmt — alles Vollzug. Wer fördert, ohne Spielraum zu lassen, produziert genau das Gegenteil von Selbstwirksamkeit.
Spielraum ist nicht Beliebigkeit
Ermöglichen heißt nicht Sich-Zurückziehen. Hattie warnt ausdrücklich vor falsch verstandener Individualisierung — reines Allein- und Eigensteuern behindert Lernen oft, weil Lernende dann nur tun, was sie schon können. Spielraum, der trägt, ist gestalteter Spielraum: Die Lehrkraft dosiert die Herausforderung, bleibt diagnostisch präsent, hält die Ziele klar — und übergibt innerhalb dieses Rahmens echte Entscheidungen. Ermöglichen ist nicht weniger Unterricht, sondern das Entwerfen einer Umgebung, in der Lernende ihre Kompetenzen entwickeln können - die Lehrkraft gestaltet, unterstützt und gibt Handlungsraum.
Entwicklungsräume schaffen
Das ist die Kernkompetenz der Lehrkraft: nicht Defizite zu beheben, sondern Räume zu bauen, in denen Bewältigung möglich wird — schwer genug, dass es zählt, gestützt genug, dass es gelingt. In solchen Räumen entsteht das „Das habe ich selbst gemacht”, das die vorige Karte als Quelle der Selbstwirksamkeit beschreibt.
Handlungsleitend:
- Wo nimmst du gerade eine Entscheidung ab, die die Lernenden selbst treffen könnten?
- Wo schreibst du einen Weg vor, den sie selbst finden könnten?
- Was ist der kleinste Ermessensraum, den du in der nächsten Stunde öffnen kannst — ohne die Stütze ganz wegzunehmen?