Fragen im Plenum — drei Achsen und ihre Wirkung
Rechnerisch fällt in jeder Unterrichtsstunde alle 30 Sekunden eine Lehrerfrage. Wie weit sie den Denkraum öffnet, zeigt sich an dem, was in den Sekunden danach im Raum passiert.
Lehrerfragen pro Stunde, übereinstimmend über sechs Untersuchungen hinweg.
davon Fakten- und Erinnerungsfragen. Geschlossene Fragen überwiegen bis in die Oberstufe.
Wartezeit zwischen Frage und Antwort. Bei drei von vier Fragen wird binnen drei Sekunden aufgerufen.
Effektstärke des Fragenstellens bei Hattie, über 211 Studien — gut ein Schuljahr Lernfortschritt.
Die Zahlen fasst Liebold, Wie Lehrer/innen fragen (Univ. zu Köln) aus sechs Untersuchungen zusammen.
Ein grünes Label markiert auf dieser Seite durchgehend, was den Denkraum öffnet.
1 · Der Satzbau
„Was für ein Satz ist das?” — die grammatische Form entscheidet mit, wie viel Antwort überhaupt möglich ist.
Sie kommt ohne Fragewort aus und legt eine Behauptung zum Abnicken vor, ist damit zur Hälfte erratbar und bleibt entsprechend oft unbeantwortet. Wenn sie fällt, hilft die sofortige Nachfrage nach der Begründung.
Das Fragewort markiert die Lücke, die zu füllen ist, und zieht messbar längere Antworten nach sich. Auch verkürzt möglich: „Mögliche Gründe für das Scheitern?”
2 · Der Spielraum
„Wie viele Antworten sind richtig?” — Breite der Möglichkeiten und Vorhersehbarkeit der Antwort.
Genau eine richtige Antwort; die Lernenden folgen der Denkspur der Lehrkraft. Zügige Beteiligung, hohe Trefferquote — trägt, wenn kleinschrittig zu einer Regel geführt werden soll.
Mehrere Antworten tragen; die Frage öffnet ein Denkfeld, in dem verschiedene Wege möglich bleiben. Erst kommt Stille, dann kommen längere Beiträge und Bezugnahmen aufeinander. Die Stille gehört dazu — in ihr wird gedacht.
Offene Oberfläche über geschlossener Absicht. Zu erkennen daran, dass genau eine Antwort weitergeführt wird und die übrigen liegen bleiben. Eine ehrlich enge Frage kostet weniger Vertrauen.
3 · Der Denkschritt
„Was muss dafür gedacht werden?” — maßgeblich ist die Absicht, die hinter der Frage steht.
Erinnern und Reproduzieren. Das Umformulieren klingt nach Denkfrage und bleibt Wiedergabe in anderer Verpackung — der häufigste Selbstbetrug bei der Planung.
Folgerungen ableiten, Fehler aufdecken, Hypothesen bilden, abwägen. Verlangt Transfer auf eine unbekannte Situation — erst damit wird aus der Abfrage ein Austausch. Selbst in der Oberstufe knapp über ein Zehntel aller Fragen.
Fehlformen
Zu erkennen an kürzer werdenden Beiträgen und an Pausen, die niemand mehr füllt.
Holt Zustimmung ab. Verwandt die Echofrage — „So so, sind die anderen auch der Meinung?” —, auf die taktisch geantwortet wird, und die Fangschussfrage: „Da du ja so gut aufgepasst hast …”
Vom Fragen zum Impuls
Eine Frage ruft eine Antwort ab. Ein Impuls stellt etwas in den Raum und überlässt den Lernenden, was sie damit anfangen — auf ihn folgen typischerweise mehrere Äußerungen, die sich aufeinander beziehen. Damit ist er das direkteste Mittel, um den eigenen Sprechanteil zu senken.
Drei Arten, jede mit einem eigenen Einsatzbereich:
Trägt, wenn eine Lerngruppe einen klaren Auftrag braucht, um überhaupt ins Reden zu kommen.
Trägt bei Problematisierung und Hypothesenbildung, wo mehrere Deutungen erwünscht sind.
Für nondirektive Impulssetzung ist ein signifikanter Zusammenhang mit der ausgelösten Denkleistung nachgewiesen; die stumme Variante wirkt am stärksten auf den eigenen Redeanteil.
Fragen und Impulse sind beide Lenkungsinstrumente: Auch beim Impuls bestimmt die Lehrkraft, worüber nachgedacht wird. Der Unterschied liegt in der Weite dessen, was danach möglich ist — und darin, wie viel Redezeit bei den Lernenden ankommt.
Was sich beobachten lässt
Für die Hospitation und für die eigene Videoaufnahme trägt ein schmales Raster. Festgehalten wird der Wortlaut der Frage und das, was in den nächsten dreißig Sekunden passiert.
Aus diesen fünf Spalten lässt sich der Frageschwerpunkt einer Stunde ablesen und mit der eigenen Planung vergleichen. Die Wirkung der Frage ist die Rückmeldung.
→ Siehe auch: Das Unterrichtsgespräch — Standards, Strategien und die Falle der Engführung — die Kettenfrage heißt dort Engführung — und Standardsituationen der Gesprächsführung.