Fragen im Plenum — drei Achsen und ihre Wirkung

~7 min Hessischer Bildungsserver, „Die Lehrerfrage” — AfL Frankfurt, Diagnostik online (M. Grabo / G. Höck, 2008/09), nach Hilbert Meyer. Ergänzt um Dubs, Lehrerverhalten (2009) · Sommer, Grundkurs Lehrerfrage (1981) · Steindorf, Grundbegriffe des Lehrens und Lernens (2000) · Lipowsky (2015) · Lotz (2016) · Kobarg/Seidel (2007) · Heinze/Erhard, ZDM 38 (2006) · Hattie, Lernen sichtbar machen · Studienseminar Koblenz, Pflichtmodul 10. KI als Recherchehilfe Zur Lehrerfrage (AfL Frankfurt) Stand: 8. Sep 2026

Rechnerisch fällt in jeder Unterrichtsstunde alle 30 Sekunden eine Lehrerfrage. Wie weit sie den Denkraum öffnet, zeigt sich an dem, was in den Sekunden danach im Raum passiert.

41–88

Lehrerfragen pro Stunde, übereinstimmend über sechs Untersuchungen hinweg.

80 %

davon Fakten- und Erinnerungsfragen. Geschlossene Fragen überwiegen bis in die Oberstufe.

2,5 s

Wartezeit zwischen Frage und Antwort. Bei drei von vier Fragen wird binnen drei Sekunden aufgerufen.

d = 0,46

Effektstärke des Fragenstellens bei Hattie, über 211 Studien — gut ein Schuljahr Lernfortschritt.

Die Zahlen fasst Liebold, Wie Lehrer/innen fragen (Univ. zu Köln) aus sechs Untersuchungen zusammen.

Ein grünes Label markiert auf dieser Seite durchgehend, was den Denkraum öffnet.

1 · Der Satzbau

„Was für ein Satz ist das?” — die grammatische Form entscheidet mit, wie viel Antwort überhaupt möglich ist.

Entscheidungsfrage
„Ist das ein Rechteck?” · „Habt ihr das verstanden?”
Sie kommt ohne Fragewort aus und legt eine Behauptung zum Abnicken vor, ist damit zur Hälfte erratbar und bleibt entsprechend oft unbeantwortet. Wenn sie fällt, hilft die sofortige Nachfrage nach der Begründung.
Ergänzungsfrage
„Woran erkennst du das?” · „Wie kommst du darauf?”
Das Fragewort markiert die Lücke, die zu füllen ist, und zieht messbar längere Antworten nach sich. Auch verkürzt möglich: „Mögliche Gründe für das Scheitern?”

2 · Der Spielraum

„Wie viele Antworten sind richtig?” — Breite der Möglichkeiten und Vorhersehbarkeit der Antwort.

Geschlossen
„Welche Dreiecksart ist das?”
Genau eine richtige Antwort; die Lernenden folgen der Denkspur der Lehrkraft. Zügige Beteiligung, hohe Trefferquote — trägt, wenn kleinschrittig zu einer Regel geführt werden soll.
Offen
„Was fällt euch an dieser Lösung auf?”
Mehrere Antworten tragen; die Frage öffnet ein Denkfeld, in dem verschiedene Wege möglich bleiben. Erst kommt Stille, dann kommen längere Beiträge und Bezugnahmen aufeinander. Die Stille gehört dazu — in ihr wird gedacht.
Scheinbar offen
„Was denkt ihr denn, was hier passiert?” — erwartet: ein Wort
Offene Oberfläche über geschlossener Absicht. Zu erkennen daran, dass genau eine Antwort weitergeführt wird und die übrigen liegen bleiben. Eine ehrlich enge Frage kostet weniger Vertrauen.

3 · Der Denkschritt

„Was muss dafür gedacht werden?” — maßgeblich ist die Absicht, die hinter der Frage steht.

Wiedergabe
„Wie lautet die Regel?” · „Erklär das noch mal in eigenen Worten.”
Erinnern und Reproduzieren. Das Umformulieren klingt nach Denkfrage und bleibt Wiedergabe in anderer Verpackung — der häufigste Selbstbetrug bei der Planung.
Denkfrage
„Welcher Weg überzeugt dich, und woran liegt das?”
Folgerungen ableiten, Fehler aufdecken, Hypothesen bilden, abwägen. Verlangt Transfer auf eine unbekannte Situation — erst damit wird aus der Abfrage ein Austausch. Selbst in der Oberstufe knapp über ein Zehntel aller Fragen.

Fehlformen

Zu erkennen an kürzer werdenden Beiträgen und an Pausen, die niemand mehr füllt.

Kettenfrage
Nachbohren, bis die Antwort trivial geworden ist und die Meldungen ausbleiben. Auch die Mehrfachfrage gehört hierher: „Was passiert da — und warum, und was heißt das für uns?” Beantwortet wird die leichteste.
Ratefrage
Ein bestimmter Begriff soll fallen. Endet damit, dass die Lehrkraft ihn selbst nennt, weil Antworten peinlich geworden ist.
Suggestivfrage
„Dieser Rechenweg ist der beste, oder?”
Holt Zustimmung ab. Verwandt die Echofrage — „So so, sind die anderen auch der Meinung?” —, auf die taktisch geantwortet wird, und die Fangschussfrage: „Da du ja so gut aufgepasst hast …”

Vom Fragen zum Impuls

Eine Frage ruft eine Antwort ab. Ein Impuls stellt etwas in den Raum und überlässt den Lernenden, was sie damit anfangen — auf ihn folgen typischerweise mehrere Äußerungen, die sich aufeinander beziehen. Damit ist er das direkteste Mittel, um den eigenen Sprechanteil zu senken.

Drei Arten, jede mit einem eigenen Einsatzbereich:

Direktiv
Die Arbeitsanweisung. Sie sagt genau, was zu tun ist, und lässt offen, was dabei herauskommt: „Vergleicht eure beiden Lösungswege und notiert die Stelle, an der sie sich trennen.” · „Sortiert die Begriffe an der Tafel in zwei Gruppen und findet für jede eine Überschrift.”
Trägt, wenn eine Lerngruppe einen klaren Auftrag braucht, um überhaupt ins Reden zu kommen.
Nondirektiv
Der Gegenstand spricht: ein Bild, ein Text, ein Experiment, eine Filmszene, eine Gegenüberstellung. Konkret etwa zwei widersprüchliche Messergebnisse nebeneinander an der Tafel, ein Zitat auf der Folie ohne Kommentar, ein Gegenstand, der herumgegeben wird. Die Lehrkraft setzt ihn und wartet.
Trägt bei Problematisierung und Hypothesenbildung, wo mehrere Deutungen erwünscht sind.
Nonverbal
Abwarten, Schweigen, Blickkontakt, eine offene Handbewegung. Konkret: nach einem Beitrag fünf Sekunden schweigen und in die Runde sehen. Oder mit der Hand an die Person weitergeben, die als Nächstes spricht.
Für nondirektive Impulssetzung ist ein signifikanter Zusammenhang mit der ausgelösten Denkleistung nachgewiesen; die stumme Variante wirkt am stärksten auf den eigenen Redeanteil.

Fragen und Impulse sind beide Lenkungsinstrumente: Auch beim Impuls bestimmt die Lehrkraft, worüber nachgedacht wird. Der Unterschied liegt in der Weite dessen, was danach möglich ist — und darin, wie viel Redezeit bei den Lernenden ankommt.

Was sich beobachten lässt

Für die Hospitation und für die eigene Videoaufnahme trägt ein schmales Raster. Festgehalten wird der Wortlaut der Frage und das, was in den nächsten dreißig Sekunden passiert.

Wortlaut
Die Frage so mitschreiben, wie sie gefallen ist. Der genaue Wortlaut entscheidet später darüber, in welche der drei Achsen sie gehört.
Wartezeit
Die Sekunden zwischen Frage und erstem Aufruf mitzählen. Drei Sekunden gelten als Schwelle, ab der sich Beiträge merklich verlängern.
Beiträge
Wie viele Lernende melden sich, und wie lang ist der längste Beitrag — ein Wort, ein Satz, mehrere Sätze?
Bezugnahme
Beziehen sich die Lernenden aufeinander („Ich sehe das anders als Anna, weil …”) oder läuft jeder Beitrag einzeln zur Lehrkraft hin?
Anschluss
Was geschieht mit dem ersten Beitrag — aufgreifen, weitergeben, umformulieren, selbst beantworten? Hier entscheidet sich, ob aus einer offenen Frage ein offenes Gespräch wird.

Aus diesen fünf Spalten lässt sich der Frageschwerpunkt einer Stunde ablesen und mit der eigenen Planung vergleichen. Die Wirkung der Frage ist die Rückmeldung.

→ Siehe auch: Das Unterrichtsgespräch — Standards, Strategien und die Falle der Engführung — die Kettenfrage heißt dort Engführung — und Standardsituationen der Gesprächsführung.