Selbstwirksamkeit — woraus sie entsteht und warum sie das Fördern trägt
Selbstwirksamkeit fällt uns oft im Kleinen auf — „kleine Erfolge schaffen”, „wer sich selbstwirksam erlebt, ist motiviert”. So klingt sie wie ein angenehmes Nebenprodukt. Bandura behauptet das Gegenteil: Selbstwirksamkeit ist ein Mechanismus mit benennbaren Quellen — und weil man sie benennen kann, kann man sie fördern.
Was Selbstwirksamkeit ist
Die Überzeugung, durch eigenes Handeln etwas bewirken zu können: „Diese Aufgabe kann ich bewältigen.” Für Lernende ist das die Erfahrung „das habe ich selbst gemacht, selbst herausgefunden, selbst gelernt”. Sie ist kein festes Persönlichkeitsmerkmal, sondern entsteht und verändert sich — über vier Quellen.
Quellen der Selbstwirksamkeit
- Bewältigungserfahrung — eine eigene, echte Bewältigung einer machbaren Herausforderung. Die mit Abstand stärkste Quelle: Sie liefert den direkten Beleg „ich kann das”.
- Stellvertretende Erfahrung — andere, die einem ähnlich sind, schaffen es (Modelle, oft Mitlernende, nicht nur die Lehrkraft).
- Verbale Überzeugung — Zuspruch. Wirkt nur begrenzt und nur, wenn er glaubwürdig und konkret ist — nicht als hohles Lob.
- Physiologische und affektive Zustände — wie man die eigene Anspannung deutet (Herzklopfen als Nervosität oder als Spannung vor dem Sprung).
Fürs Fördern heißt das: Die Quelle, die du wirklich gestalten kannst, ist die Bewältigungserfahrung. Die anderen drei stützen — sie ersetzen sie nicht.
Selbstwirksamkeit ist nicht Lob
„Du bist klug”, „du schaffst das” zielen auf die Person — Hatties Self-Ebene (FS), lernförderlich am schwächsten. Selbstwirksamkeit wächst nicht aus Zuschreibung, sondern aus echter Bewältigung plus Rückmeldung auf Prozess und Selbststeuerung (FP/FR), die den eigenen Anteil sichtbar macht: Was hast du getan, damit das geklappt hat? Wer Selbstwirksamkeit über Person-Lob aufbauen will, baut sie gerade nicht auf.
Wo Hattie sie verortet
Die Überzeugungen, die Lernende über sich selbst tragen, zählen zu den stärksten Einflüssen auf den Lernerfolg — die Selbsteinschätzung des eigenen Leistungsniveaus steht bei Hattie ganz oben. Selbstwirksamkeit ist ein eigener, eng verwandter Faktor (Effektstärke 0,64).
Was das fürs Fördern heißt
Wenn die stärkste Quelle die eigene Bewältigung ist, setzt sie eines voraus: Spielraum. „Das habe ich selbst gemacht” ist unmöglich, wenn jeder Schritt vorgeschrieben war — dann bleibt Vollzug, keine Bewältigung. Die Kernaufgabe des Förderns ist deshalb nicht, Defizite zu beheben, sondern Entwicklungsräume zu schaffen, in denen Bewältigung möglich wird.
Konkret:
- Herausforderung auf schwer-aber-machbar dosieren — dort entstehen Bewältigungserfahrungen.
- Den eigenen Anteil der Lernenden sichtbar machen, nicht das Ergebnis loben.
- Rückmeldung auf Strategie und Vorgehen, nicht auf die Person.
→ Siehe auch: Das Feedbackmodell von Hattie & Timperley (Ebenen, FP/FR) → Weiter in: Ermöglichen statt vollziehen — Spielraum als Förderbedingung