Fördern und Auslese — die doppelte Aufgabe der Beurteilung

Buch, S. & Sparfeldt, J. (2020): Diagnostik, Beurteilung und Förderung als Gegenstand der Lehrerinnen- und Lehrerbildung. In: Handbuch Lehrerinnen- und Lehrerbildung, S. 39–46. Klinkhardt. CC BY-NC-SA. Zum Beitrag (DOI)

Pädagogische Diagnostik verfolgt zwei übergeordnete Ziele, und die beiden zeigen nicht in dieselbe Richtung.

Zwei Ziele, ein Handeln

Ingenkamp und Lissmann (2008, S. 21) unterscheiden: Diagnostik dient erstens der Verbesserung des Lernens — Lehrkräfte nutzen Informationen über Lernausgangslagen, Lernverläufe und Lernergebnisse, um Unterricht anzupassen, zu fördern und zu beraten. Zweitens sind Lehrkräfte mit gesellschaftlich verankerten Aufgaben betraut: der Steuerung des Bildungsnachwuchses und der Erteilung von Qualifikationen. Diese zweite Aufgabe beruht auf Messung und Beurteilung von Leistungen.

Beides läuft in derselben Person, oft in derselben Unterrichtsstunde. Ziegenspeck (2004, S. 501) nennt das ein „Spannungsfeld zwischen Förderung und Auslese” — besonders dort, wo Zensuren vergeben werden.

Messen ist nicht Beurteilen

Der Text trennt zwei Operationen, die im Alltag verschmelzen:

Die Trennung ist praktisch folgenreich: Uneinigkeit über eine Note ist häufig keine Uneinigkeit über die Messung, sondern über den Maßstab. Wer beides auseinanderhält, kann die Frage stellen, um die es tatsächlich geht.

Der Bezugsrahmen wandert mit

Die Vergabe von Zensuren hängt stark vom Bezugsrahmen der jeweiligen Klasse ab. Das lässt ihre Vergleichbarkeit über Klassen hinweg fraglich erscheinen (Überblicke bei Brookhart u. a. 2016; Birkel/Tarnai 2018).

Das ist kein Argument gegen Noten. Es ist ein Argument dafür, den eigenen Maßstab zu kennen und benennen zu können — und dafür, die individuelle Bezugsnorm bewusst zu setzen statt sie unbemerkt mitlaufen zu lassen.

→ Siehe auch: Adaptiv fördern — die Herausforderung passend dosieren (individuelle Bezugsnorm im Fördern)

Rückwirkung auf die Lernenden

Diagnosepraktiken und die darauf gestützten Rückmeldungen wirken auf Selbsteinschätzung, Motivation und künftiges Lernverhalten (Crooks 1988). Zudem vermitteln die Gestaltung von Leistungsüberprüfungen und die herangezogenen Kriterien den Lernenden implizit, was im Fach als wichtig gilt.

Anders gesagt: Was geprüft wird, definiert für die Lernenden, was zählt. Das gilt auch dann — gerade dann —, wenn es nicht ausgesprochen wird.

Was daraus folgt

Die Spannung zwischen Fördern und Auslesen ist keine Frage der Haltung und kein persönliches Defizit. Sie ist im Auftrag angelegt. Sie lässt sich nicht auflösen, aber sie lässt sich transparent führen: indem der Maßstab vorab offenliegt, indem formative und summative Räume erkennbar getrennt sind, und indem Rückmeldung nicht dort als Förderung auftritt, wo sie tatsächlich Auslese ist.


Begriffsdifferenz beachten: Der Text ordnet Diagnostik → Beurteilung → Förderung und versteht unter „Beurteilung” den Vergleichsschritt innerhalb der Urteilsbildung. Im Modul DFB steht Beurteilen am Ende der Trias und meint enger die Leistungsbewertung mit ihren rechtlichen Folgen. Gleiche Wörter, unterschiedlicher Zuschnitt.

Quelle im Volltext: PDF auf g-lernen.de — frei zugänglich unter CC BY-NC-SA.